Workshop greift Thema sexualisierte Gewalt auf

Julia Hildenbrand beim Referieren
Julia Hildenbrand rief die Schülerinnen und Schüler auf, in den sozialen Medien vorsichtig zu sein und nicht zu viele private Details über sich preiszugeben. Foto: Winfried Zang

Das von Julia Hildenbrand konzipierte Schulprojekt „PeerThink – sexualisierte Gewalt im digitalen Raum“ hat am Dienstag, 28. April, in der Mittelschule in Obernburg Premiere gefeiert. Die Mitarbeiterin des Jugendamts mit Schwerpunkt Prävention koordiniert das Projekt für Schüler und Schülerinnen der 6. Jahrgangsstufe mit drei Workshops mit unterschiedlichen Schwerpunkten.  

Die Sozialpädagogin, zeigt sich erfreut darüber, dass die Caritas-Beratungsstelle Lichtblick sowie die Polizei als Kooperationspartner für die Zusammenarbeit bei diesem Projekt gewonnen werden konnten.

Nach einem kurzen Treffen aller Beteiligten vor den Workshops – in Obernburg moderiert von Konrektor Jonathan Trieschmann – ging es in die Klassenzimmer, wo die Schülerinnen und Schüler drei Stationen absolvierten. Den Workshop „Sexualisierte Gewalt im digitalen Raum“ leitete Julia Hildenbrand selbst, über rechtliche Aspekte in Bezug auf sexualisierte Gewalt informierten die Schulverbindungsbeamten der Polizei Obernburg (Stefanie Amendt und Matthias Fischer), und für die „Einführung in das Thema sexualisierte Gewalt“ hatte man mit Inge Richter (Lichtblick) die ideale Referentin.

Die Idee zum Workshop war Julia Hildenbrand gekommen, da sexualisierte Gewalt Kinder und Jugendliche in allen Lebensbereichen betreffen kann – zunehmend auch im digitalen Raum. Rund ein Drittel aller Jugendlichen hätten bereits grenzüberschreitende oder sexualisierte Erfahrungen, viele davon online, gemacht, weiß sie. Das bestätigte sich auch in den Workshops, wo mehrere Kinder den Mut hatten, von ihren Erfahrungen zu berichten. Hildenbrands Ziele – Wissen vermitteln, Sensibilisierung für Grenzverletzung, Schaffung eines Bewusstseins für das Thema „sexualisierter Gewalt digitalen Raum“ und die sichere Nutzung von sozialen Medien – dürfte sie am Ende des Tages erreicht haben. Denn, so war zu beobachten, die Schülerinnen und Schüler arbeiteten eifrig mit, berichteten von eigenen Erfahrungen und stellten viele Fragen an die Referentinnen und Referenten.

In dem von Julia Hildenbrand geleiteten Workshop zeigte sich, dass die jungen Leute viele Formen digitaler Medien nutzen – egal ob soziale Medien, Online-Spiele, Nachrichten-Apps oder Filmplattformen.

„Überall im Netz können euch Gefahren begegnen“, gab Hildenbrand zu bedenken, denn man wisse zum Beispiel nie, wer hinter den Personen steckt, mit denen man Kontakt hat. Ist die vermeintlich Gleichaltrige in Wirklichkeit ein 50-jähriger Mann? Die Präventionsexpertin berichtete, dass junge Menschen insbesondere in Klassenchats immer wieder mit unerwünschten, grenzüberschreitenden oder sexualisierten Inhalten konfrontiert werden. Auch Kommentare unter Beiträgen könnten beleidigende oder sexuell anzügliche Inhalte enthalten, die eine Form der digitalen Belästigung darstellen. Zudem sei die Gefahr reell, mit unangemessenen Bildern erpresst zu werden (Sextortion). Cybergrooming, das Anbahnen von Kontakten mit sexuellen Absichten, sei ebenso verbreitet. Die Unbekannten spionierten die Profile ihrer Opfer aus, nähmen Kontakt auf und ließen sie mitunter Monate lang im Glauben, einen neuen gleichaltrigen Freund oder eine neue Freundin gefunden zu haben. Um die Schüler für diese Risiken im Netz zu sensibilisieren, analysierten sie anhand von Chatverläufen typische Vorgehensweisen und Strategien von Tätern im Zusammenhang mit Sextortion und Cybergrooming. Anschließend überlegten sie gemeinsam, wie man solchen Situationen bewerkstelligt und welche Hilfen man sich holen kann. Um den Tätern es zu erschweren, sollte man daher nur so wenig private Informationen wie möglich preisgeben, appellierte Hildenbrand und forderte die Schülerinnen und Schüler auf, die Einstellungen ihrer Profile zu kontrollieren.

Wertvolle Tipps, wie man sich wirkungsvoll schützen kann, gaben Polizistin Stefanie Amendt und Polizist Matthias Fischer. Keine Freundschaftsanfragen und Einladungen in sozialen Netzwerken von völlig fremden Personen annehmen, rieten sie und machten darauf aufmerksam, dass man in Videochats immer gefilmt werden kann. Sie empfahlen, die Webcam immer abzukleben. Sie riefen dazu auf, Inhalte nur mit Bedacht zu teilen und zu veröffentlichen, um nicht anfällig für Erpressungen zu sein. Man solle zudem auf Sicherheit im Internet achten, indem man sichere Browser verwendet, die die eigene Identität abschirmen. Die beiden Fachleute baten ihr junges Publikum auch, sich sofort an die Eltern oder sonstige erwachsene Vertrauenspersonen zu wenden, wenn etwas vorgefallen sei. Wer etwa bei einer Erpressung erwischt werde, dem drohten harte Strafen, die im schlimmsten Fall bis zum Jugendarrest oder das Gefängnis reichen.

Inge Richter von der Beratungsstelle Lichtblick für Kinder und Jugendliche mit sexualisierter Gewalterfahrung bot gleich zu Beginn ihres Workshops Hilfe an: „Ihr könnt jederzeit in unsere Beratungsstelle kommen, auch wenn die Eltern das nicht wissen“. Sie versuchte, die Kinder zu sensibilisieren, indem sie verschiedene Situationen vorstellte und die Schülerinnen und Schüler sich entscheiden mussten, ob sie diese als angemessen oder nicht beurteilen. Dabei zeigte sich, dass der moralische Kompass in den meisten Fällen in die richtige Richtung zeigte. Andererseits empfanden einige manche Schimpfworte als gar nicht so schlimm, obwohl auch das eine Grenzüberschreitung ist. Als es um die Weitergabe von Nacktfotos und das heimliche Anfertigen von Nacktfotos ging, waren sich aber alle Schülerinnen und Schüler einig: Das geht gar nicht. Mit Verwunderung reagierten alle, als die Frage aufkam, wo ihrer Meinung nach die meisten sexuellen Übergriffe passieren: in der Schule, auf der Straße, zuhause oder im Internet? Bis auf ein Mädchen versammelten sich alle am Schild „Internet“ und waren baff, als Richter klarstellte:
Zuhause ist es am gefährlichsten – ausgerechnet da, wo man mit Menschen zusammen ist, denen man vertraut.

Nach der erfolgreichen Premiere wird das Pilotprojekt bis zum Schuljahresende an vier weiteren weiterführenden Schulen umgesetzt: an den Mittelschulen in Großheubach, Kleinwallstadt und Erlenbach sowie an der Realschule Elsenfeld. Dass das Thema in den Schulen auf großes Interesse stößt, belegte Julia Hildenbrand mit der Tatsache, dass die Nachfrage von Schulen deutlich höher war als die Zahl der möglichen Veranstaltungen. So konnten nur die Schulen berücksichtigt werden, die sich am schnellsten gemeldet hatten. Im neuen Schuljahr soll es aber weitergehen, kündigte sie an.

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