Start zur regionalen Umsetzung des Masterplans Prävention Bayern im Landkreis
Über 100 Seiten stark ist der Masterplan Prävention Bayern, den die Staatsministerin für Gesundheit, Pflege und Prävention, Judith Gerlach, vorgestellt hat. Ihren Appell, der Gesundheitsvorbeugung mehr Gewicht einzuräumen, werden auch die Gesundheitsregion Plus des Landkreises Miltenberg und das Gesundheitsamt Miltenberg umsetzen. Eine Präventionskonferenz mit rund 40 Teilnehmenden hat am Mittwoch, 17. Juni, den ersten Schritt gemacht und wünschenswerte Maßnahmen priorisiert.
Im Landratsamt versicherte Ralf Reichwein, einer der weiteren Stellvertreter von Landrat Björn Bartels, dass auch ihm das Thema wichtig ist. Gesundheit sei eines der wertvollsten Güter, deren Bedeutung erkenne man oft erst, wenn man krank und Gesundheit nicht selbstverständlich sei. Umso wichtiger sei es, alles daranzusetzen, um Gesundheit zu erhalten, Krankheiten vorzubeugen und gute Rahmenbedingungen für ein gesundes Leben zu schaffen. Das sei in Zeiten großer Herausforderungen wie dem demografischen Wandel, dem Anstieg chronischer Erkrankungen und wachsender Anforderungen an das Gesundheits- und Pflegesystem nicht einfach. Frühzeitig handeln statt später reparieren zu müssen, das sei der Ansatz der Prävention. Die Konferenz wolle die im Masterplan formulierten Leitgedanken, Ziele und Maßnahmen in die Fläche tragen, verdeutlichte Reichwein und stellte heraus, dass auch im Landratsamt Prävention in vielen Fachbereichen eine zentrale Rolle spiele.
Laut Dr. Regina Roloff, Leiterin des Gesundheitsamts, solle der Masterplan in den kommenden Jahren mit Leben gefüllt werden. Man wolle von der klassischen „Reparaturmedizin“ wegkommen hin zu gelebter Gesundheitsvorsorge, sagte sie und wies auf Herausforderungen der Gesellschaft hin wie etwa zunehmender Bewegungsmangel, ungesunde Ernährung, psychische Belastungen, Alterung der Bevölkerung und die starke Ausrichtung des Gesundheitssystems auf Behandlung statt Vorbeugung. Deshalb gehe es darum, regionale Schwerpunkte zu setzen, sagte sie zu den versammelten Akteuren aus den Bereichen Verwaltung, Politik, Gesundheitswesen, Wohlfahrtspflege und Selbsthilfe.
Dass den Krankenkassen die Prävention wichtig ist, zeigten Anja Lux (BKK Akzo Nobel) und Renate Vallecca (AOK Bayern). Lux verwies auf Themenfelder wie Bewegung, Sucht, Ernährung sowie Entspannung und Stressmanagement. Dabei arbeite man in allen relevanten Lebenswelten mit Akteuren zusammen: in Schulen und Kindergärten, in Betrieben sowie in der Pflege. Lux stellte eine lange Liste von Einrichtungen und Betrieben vor, die diese Angebote bereits genutzt haben. Als Beispiel nannte sie die Betriebsnachbarschaft Großwallstadt sowie "Und los! – ElternChanceN", ein unterstützendes Projekt für Leidersbacher Familien ab dem ersten Monat der Schwangerschaft bis zum Eintritt in die Schule.
Egal ob Kita, Schule oder Betrieb – auch die AOK ist laut Renate Vallecca vielfältig aktiv. Beispielhaft ging sie auf die Gesundheitsförderung in Kitas und in Schulen ein – etwa mit Programmen wie „Klasse 2000“, der „NachhaltICHkeitsarena“ und der GemüseAckerdemie, in deren Folge sich Ackerschulen in Soden, Dorfprozelten, Wörth und Kleinwallstadt entwickelt hätten. Mit AOK-eigenen Programmen wie „JolinchenKids“ und darauf aufbauend, „Henrietta“, gehe man ebenfalls in Kitas und Schulen. Sie stellte das Präventionsprojekt Icebreaker vor und ging kurz auf die betriebliche Gesundheitsförderung ein.
Um alle Gäste auf den gleichen Stand zu bringen, stellten Julia Körbel (Gesundheitsamt) und Isabella Zerritsch, Geschäftsstellenleitung der Gesundheitsregion plus, die wichtigsten Aspekte des Masterplans vor. Darin sind zehn strukturelle Ziele aufgeführt, unter anderem der Ausbau der Präventionsberichterstattung, die Etablierung des Präventionspools Bayern als landesweite Datenbank für Präventionsangebote und -aktivitäten, die Stärkung der Gesundheitsämter für die Moderation von Prävention und Gesundheitsförderung vor Ort, die Bereitstellung digitaler Anwendungen für die Prävention, die Stärkung der Fachkräfte im Gesundheitsbereich vor Ort und einige mehr. Isabella Zerritsch ging zudem auf das Landesprogramm „Sport vor Ort“ ein, ein Teilprogramm des Masterplans. Hier beteiligen sich das Gesundheitsamt und die Gesundheitsregion plus mit dem Programm MIA – Mil in Action. Dieses kostenfreie Bewegungsangebot umfasst zahlreiche kostenfreie Bewegungsangebot wie Nordic Walking, Qi Gong, Outdoor-Fitness, Yoga und mehr. Die Angebote sind im Internet unter https://gesundheitsregion-plus.landkreis-miltenberg.de/aktuelles/veranstaltungen/ zu finden.
Darüber hinaus sind im Masterplan zehn gesundheitliche Ziele formuliert:
Gesundheitswissen verbessern (Gesundheitskompetenz stärken, zu gesundem Verhalten motivieren), psychische Gesundheit stärken (in Krisen unterstützen, Einsamkeit bei Jugendlichen, jungen Erwachsenen und Älteren verringern), eine solide Basis durch körperliche Aktivität, gesunde Ernährung, Stressreduktion und gesunden Schlaf schaffen, Adipositas bekämpfen und Folgeerkrankungen proaktiv vorbeugen, Sensibilisierung für Mund- und Zahngesundheit, Aufklärung und Schutz vor sexuell übertragbaren Krankheiten, Stärkung der Teilnahmeraten bei Vorsorgeuntersuchungen, Früherkennungsprogrammen und Impfungen, Suchtprävention (Reduzierung legaler Suchtmittel, Bewältigung exzessiver Mediennutzung, Verringerung von Glücksspielschäden), Klimawandel (Schutz der Gesundheit unter veränderten Umweltbedingungen) sowie proaktive Maßnahmen, um Pflegebedürftigkeit hinauszuzögern oder gar zu verhindern.
Aufgabe des Plenums war es nach kurzen Bewegungsübungen, die gesundheitlichen Ziele zu gewichten. Als Top-Prioritäten stellten sich die Stärkung der psychischen Gesundheit, die Verbesserung des Gesundheitswissens und das Schaffen einer guten persönlichen Basis mit körperlicher Aktivität, gesunder Ernährung, Stressreduktion und gesundem Schlaf heraus. Damit war die Arbeit aber noch nicht getan: Nun hatten die Akteure die Aufgabe, bestehende Angebote in diesen Arbeitsfeldern zu nennen und, darauf aufbauend, Bedarfe und Lücken aufzulisten. Isabella Zerritsch, Julia Körbel und ihre Kollegin aus dem Gesundheitsamt, Sofia Göbel, fassten anschließend die von den Gästen genannten Punkte zusammen. Dabei stellte sich heraus, dass es im Landkreis viele Angebote gibt, aber auch Lücken. Mehrfach genannt wurde das Fehlen von Fachkräften im Bereich der psychischen Gesundheit.
Die bearbeiteten Themen werden nun von Gesundheitsamt und Gesundheitsregion Plus weiterverfolgt, alle Teilnehmenden werden die Präsentationsergebnisse in Schrift- und Bildform bekommen. Aus der Sichtung und Auswertung sollen konkrete Handlungsfelder resultieren. Nicht priorisierte Themen fallen nicht unter den Tisch; sie werden vielmehr in anderen Stellen mitbearbeitet – etwa von der Fachstelle für Altenhilfeplanung und allgemeine Seniorenarbeit im Landratsamt.
Landrats-Stellvertreter Ralf Reichwein zeigte sich nach fast drei Stunden zufrieden mit den Ergebnissen. Der Fachkräftemangel sei leider in allen Bereichen des Lebens spürbar, bedauerte er. Es gelte, neue Ideen zu entwickeln und beispielsweise Projekte, die in einer Region gut funktionieren, auf andere Gebiete zu übertragen. „Wir haben schon vieles, aber nicht alle wissen es“, lautete sein Fazit und er zog daraus die Schlussfolgerung, dass man diese Informationen auch vermitteln müsse. Er bescheinigte allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die Veranstaltung mit ihren Beiträgen bereichert zu haben.