Schaurig-schöne Geschichten am Tag vor Halloween
Schaurig-schön war’s im Elsenfelder Bürgerzentrum am Tag vor Halloween. Was würde auch zum gruseligen Fest besser passen als Edgar Allan Poes Geschichte vom „Untergang des Hauses Usher“ und – nicht weniger düster – Ray Bradburys Kurzgeschichte „Usher II“. Das Hörspielkonzert des Midnight Story Orchestra mit Sprecher Rainer Denk im Rahmen der Kulturwochen des Landkreises endete mit begeistertem Applaus der rund 80 Gäste.
Das Ensemble schaffte es, den kunstvollen Schreibstil des 1849 im Alter von nur 40 Jahren verstorbenen amerikanischen Autors auf der Bühne umzusetzen. Poes literarische Vorlage glänzt mit einem reichhaltigen Wortschatz, oft langen Sätzen und fast musikalischem Rhythmus – und genau diese Eigenschaften von Poes Werk hatten sich die Akteure zu Herzen genommen. Dezent angeleuchtet, setzte Sprecher Rainer Denk die atmosphärisch dichte Erzählung des amerikanischen Literaten mit Ausdruckskraft und perfektem Sprachrhythmus um, begleitet von jazzigen Klängen des Midnight Story Orchestra. Mal laut, mal leise, mal fast dissonant – auf der Bühne verbreitete sich die düstere Atmosphäre von Poes Klassiker. Im Crescendo entfaltete sich der Höhepunkt der Geschichte, als der nervlich angeschlagene und zunehmend hysterische Sir Roderick Usher sein Ende findet. Seine totgeglaubte Schwester befreit sich aus dem Sarg, fällt auf den Hausherrn und er stirbt am Schock. Das Haus Usher fällt zusammen, der Ich-Erzähler entkommt – langer Applaus im Saal.
Vermutlich weniger bekannt, dennoch ein großartiges Kunstwerk, ist Ray Bradburys Erzählung „Usher II“, die im zweiten Teil zur Aufführung kam. Die Kurzgeschichte aus dem Romanzyklus „Die Mars-Chroniken“ ist eine herrlich makabre Ode an Edgar Allan Poe. Veröffentlicht im Jahr 1958 – einige Jahre nach Bradburys wohl größtem Werk „Fahrenheit 451“ –, spielt die Geschichte im Jahr 2005, als die Menschheit bereits den Mars besiedelt hat. Dorthin hat sich die Hauptfigur William Stendahl zurückgezogen, nachdem auf der Erde sämtliche Werke der Phantasie-, Horror- und Fiktionsliteratur verbrannt wurden.
Der reiche Stendahl, ein Freund der verbotenen Literatur, erbaut ein Haus genau nach der Vorlage von Poes Haus Usher, gefüllt mit furchterregenden Robotern.
Als die „Moralapostel“ von der Zensurbehörde einer Einladung Stendahls zu einer Kostümparty in das Haus folgen, erwartet sie ein Massaker. Hätten sie Poes Werke gelesen, hätten sie überlebt, so aber sterben sie aus Unwissenheit. Etwa durch einen Robotergorilla, getreu Poes Vorlage aus „Der Doppelmord in der Rue Morgue“. Als Mr. Garrett, der das Haus Usher einreißen will, erscheint, erleidet er das gleiche Schicksal wie Fortunato in „Das Fass Amontillado“: Er wird betrunken gemacht und in den Katakomben lebendig eingemauert. Die anderen Gäste werden auf unterschiedlichste Weisen getötet – alle basierend auf Morden, die Poe in seinen Geschichten schilderte. Einer etwa wird geteert und gefedert – analog zur Kurzgeschichte „Das System des Dr. Teer und Prof. Feder“.
Ganz in weißen, futuristisch anmutenden weißen Overalls bekleidet, unterlegten die fünf Musiker die vorgetragene Geschichte vor allem gegen Ende mit zunehmend aggressiveren, rockigen Tönen. Eine unheimliche Atmosphäre schuf Toni Hinterholzinger auf dem Theremin – einem selten zu hörenden Instrument, das sphärische Klänge generiert und perfekt für das Hörspielkonzert geeignet war.
Besonders der zweite Teil von Bradburys Geschichte, als die Gäste einer nach dem anderen massakriert werden, entfaltete auf der Bühne epische Wucht. Begleitet von lauten, fast ekstatischen Tönen der Band, brachen aus dem Sprecher die Gefühle heraus, als er kraftvoll und wild gestikulierend die Morde schilderte. Als das Haus „Usher II“ zusammenfällt, Stendahl sowie sein getreuer Helfer Pikes mit einem Hubschrauber entkommen und der letzte Ton erklang, belohnte das Publikum die Akteure mit langem Applaus.
Nach knapp 120 Minuten bleibt als Fazit: Es wird höchste Zeit, sich wieder einmal mit Edgar Allan Poes Geschichten zu beschäftigen und die Bücher hervorzukramen – am besten seine gesammelten Werke. Und wer Poe musikalisch erleben will, hat zwei Möglichkeiten: Er holt sich die Doppel-CD des Midnight Story Orchestra oder er greift zu Alan Parsons Projects 1976 erschienenem Album „Tales of Mystery And Imagination“, das in einer Mischung aus Rocksongs und sinfonischen Klängen“ Auszüge aus Poes Werk vertont.