Fairtrade-Gedanke hat sich im Landkreis Miltenberg verstetigt

Robert Faust am Rednerpult
Robert Faust, Urgestein des Fairtrade-Handels im Landkreis, erläuterte den Sinn des fairen Handels. Foto: Winfried Zang

Seit zehn Jahren gibt es den Fairtrade-Landkreis Miltenberg. Das sei ein Grund zum Feiern, sagte stellvertretender Landrat Ralf Reichwein am Freitagabend, 8. Oktober, in der Kleinwallstädter Zehntscheune, aber es wäre wünschenswert, dass dies kein Schlusspunkt, sondern nur ein Zwischenstopp sei.

Rund 100 Aktive und Begleiter des Fairtrade-Gedankens hatten sich zusammengefunden, um die erneute Zertifizierung als Fairtrade-Landkreis zu feiern. Der damalige Landrat Jens Marco Scherf hatte sich für den Fairtrade-Gedanken stark gemacht und die breite Zustimmung des Kreistags für den Zertifizierungsprozess erhalten. Der Fairtrade-Gedanke sei im Landkreis angekommen, konstatierte Reichwein und blickte zurück, als man erstmals die Auszeichnung als Fairtrade-Landkreis feierte und gleichzeitig das Siegel „Regionale Produkte“ mit dem Motto „Fair und regional – einfach genial“ vorstellte. Das sei richtig, fand Reichwein, denn fair und regional seien keine Gegensätze. „Wenn wir Produkte bei uns vor Ort erzeugen können, dann sollten wir darauf achten, dass sie auch möglichst regional verarbeitet und vermarktet werden“, so der stellvertretende Landrat: „Wer regional einkauft, stärkt unsere heimische Landwirtschaft, unsere Betriebe und unsere Arbeitsplätze.“ Bei Waren, die man nicht regional produzieren könne, solle man sich fragen, unter welchen Bedingungen diese produziert werden. Genau hier komme der faire Handel ins Spiel.  

„Aus einer Auszeichnung ist eine Bewegung geworden“, verwies Reichwein auf die Anfänge im Jahr 2015 mit der Fairtrade-Kommune Mömlingen. Seither kamen Erlenbach, Klingenberg, Miltenberg, Kleinwallstadt, Elsenfeld und Sulzbach hinzu, Obernburg und Wörth befinden sich auf dem Weg. Auch Schulen und Kitas seien längst Teil dieser Entwicklung: Es gebe fünf Fairtrade-Schulen, zwei seien im Bewerbungsverfahren. Dazu kommen drei Eine-Welt-Kitas und zwei Kitas, die sich auf den Weg gemacht haben.
Reichwein hob zudem die Eine-Welt- und Weltläden in Miltenberg, Erlenbach, Mömlingen, Kleinwallstadt und Sulzbach, der Aktionskreis Leidersbach und den Ökumenischen Eine-Welt-Stand in Klingenberg heraus, die bereits aktiv gewesen seien, als der Landkreis den Titel noch nicht trug.

Mittlerweile seien 168 Mitstreitende aus Einzelhandel und Gastronomie, Vereinen und Pfarrgemeinden, Kitas und Schulen mit der Plakette „Wir machen mit – Fair und regional, einfach genial“ ausgezeichnet worden. Wie lebendig das Fairtrade-Netzwerk ist, hätten schon viele Aktionen gezeigt. Reichwein bat alle, den Blick auf das eigene Einkaufsverhalten zu werfen. Jeder Einkauf sei eine Entscheidung darüber, wo Wertschöpfung entsteht und wer davon profitiert. Wer vor Ort einkauft, erhalte Arbeitsplätze, Ausbildungsplätze und persönliche Beratung und trage dazu bei, dass Innenstädte und Ortskerne lebendig bleiben. Deshalb gehe es darum, bewusst zu entscheiden, wann man online bestellt und wann man vor Ort kauft. Der Landkreis selbst gehe mit gutem Beispiel voran mit fairen Beschaffungen. Eine süße Erfolgsgeschichte sei die Landkreisedition der „Guten Schokolade“, von der bislang 99.960 Tafeln produziert wurden.

Reichwein würdigte ausdrücklich die Menschen, die hinter allen Zahlen, Projekten und Aktionen stehen. Er hob die Fairtrade-Steuerungsgruppe – stellvertretend Robert Faust – hervor, die immer wieder neue Ideen einbringt, für Vernetzung sorgt und den Fairtrade-Gedanken weiterträgt. Er dankte darüber hinaus allen, die zum Gelingen des Jubiläumsabends beigetragen haben – etwa der Steuerungsgruppe Fairtrade des Landkreises, dem Katholischen Frauenbund Kleinwallstadt für die Bewirtung sowie allen Ausstellerinnen und Ausstellern. Reichweins Fazit am Ende: „Das, was mit vielen kleinen Schritten begonnen hat, ist zu einem starken Netzwerk geworden.“

Ihm war es zudem eine Freude, fünf Kinder mit Schultüten, bestens gefüllt mit Produkten aus fairem Handel, zu belohnen. Sie waren von der Jury unter 40 Einsendungen des Malwettbewerbs „Fair & bunt in deiner Heimat“ als Sieger ausgewählt worden. Dabei zeigten die Kinder, wie sie ihre Heimat sehen. Ausgezeichnet wurden Carl, Liselotte, Peter, Leopold und Ronja, die sich zusammen mit Ralf Reichwein den Fotografen stellten.

Robert Faust, Fairtrade-Urgestein aus Mömlingen, hob den Sinn des fairen Handels hervor. Dabei gehe es darum, die Menschen in den Erzeugerländern gerecht zu bezahlen, so dass sie und ihre Familien davon leben können. Obwohl vieles auf der Erde zurzeit nicht gut laufe, so machten doch einige Zahlen Mut. So sei der Umsatz von Fairtrade-Produkten in Deutschland von 2016 bis 2025 von 1,3 auf 3,1 Milliarden Euro gestiegen, die Produkte seien mittlerweile fast überall erhältlich. Den größten Anteil nähmen dabei Rosen (37 Prozent) vor Kakao (21 Prozent) ein. Darüber hinaus hätten 193 Länder die Agenda 2030 mit 17 Nachhaltigkeitszielen ins Leben gerufen. Der faire Handel sei ein perfektes Werkzeug für die Umsetzung der Agenda, fand Faust, allerdings lägen nur 15 Prozent der Ziele im Plan, bei 48 Prozent fehle das Tempo und bei 37 Prozent seien Stagnation oder Rückschritte erkennbar. Häufig sei zu hören, dass man sich zuerst um seine eigenen Probleme kümmern solle, so Faust, aber alleine der Klimawandel zeige, dass dieser nicht an Landesgrenzen Halt macht. Große Hoffnungen setzt er in die vom Kreistag beschlossene Kepol-Stelle, die das ehrenamtlich Fairtrade-Engagement unterstützen und vernetzen soll.

Robert Rodenhausen, Bürgermeister von Kleinwallstadt, zeigte die Fairtrade-Bemühungen in seiner Gemeinde auf – etwa in der Josef-Anton-Rohe-Schule und der Marktgemeinde.
Der Eine-Welt-Laden im Ort habe 2024 sogar 30-jähriges Bestehen gefeiert, verwies Rodenhausen auf langjährig gelebtes Engagement. Dank des Einsatzes der Ehrenamtlichen sei der Laden dreimal pro Woche geöffnet, stellte er fest. Mit dem fairen Handel zeige man, dass die globale Verantwortung vor der eigenen Haustür beginnt. Er dankte allen, die sich für den fairen Handel engagieren.

Der Eisenbacher Chor „Lyra Musica“ unter Leitung von Michaela Markert sorgte für den musikalischen Rahmen des Abends. Im Anschluss an die Feier ließen sich die Gäste am Buffett des Frauenbundes unter anderem leckere Suppe, Falafel, Bulgursalat und vielen weitere Köstlichkeiten schmecken, verkosteten Weine, informierten sich an mehreren Ausstellungsständen und tauschten sich aus.

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