08.08.2014

Pressemitteilung Landkreis will an Gesundheitsförderprogramm teilnehmen

Vorbehaltlich der Zustimmung der Kreisgremien im Herbst will sich der Landkreis Miltenberg am neu geplanten Förderprogramm „Gesundheitsregionen plus“ des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege beteiligen. Landrat Jens Marco Scherf erntete beim Gesundheitsgespräch am Mittwoch im Miltenberger Landratsamt breite Zustimmung zu dieser Idee.

Wie der Landrat erklärte, resultiere dieses Projekt aus dem Pilotprojekt „Regionale Gesundheitskonferenzen“, an dem zurzeit drei bayerische Modellregionen teilnehmen und das noch bis Ende 2014 dauert. Die bisherigen Ergebnisse dieses wissenschaftlich begleiteten Programms seien durchaus positiv und vielversprechend, ergänzte der Leiter des Gesundheitsamts, Dr. Erwin Dittmeier. Der Freistaat wolle nun das Modellprojekt „Regionale Gesundheitskonferenzen“ mit den Modellprojekten „Gesunder Landkreis“ und „Gesundheitsregionen“ zu einem einzigen Projekt „Gesundheitsregionen plus“ zusammenführen. Das Konzept hierfür werde zurzeit in München erarbeitet, sagte Dittmeier.

Wie Landrat Jens Marco Scherf weiter sagte, brauche es für das Projekt ein zentrales Management- und Steuerungsorgan unter Vorsitz des Landrats mit maximal 20 bis 30 Mitgliedern aus den örtlichen Akteuren im Gesundheitswesen, dazu mindestens zwei Arbeitsgruppen zu den Pflichtthemen „Gesundheitsförderung und Prävention“ und „Gesundheitsversorgung vor Ort“ sowie eine Geschäftsstelle zur Organisation und Koordination im Landratsamt. Das Projekt solle am 1. Januar 2015 starten und auf fünf Jahre befristet sein. Der Freistaat werde – vorbehaltlich zur Verfügung stehender Haushaltsmittel – eine Anschubfinanzierung in Höhe von bis zu 70 Prozent der förderfähigen Ausgaben, maximal 50.000 Euro pro Jahr, leisten. Aus den Reihen der Gesprächsteilnehmer wurde angeregt, nicht nur landkreisweit zu denken, sondern aufgrund der Verzahnung in der Gesundheitsversorgung mit Stadt und Landkreis Aschaffenburg auch diese Körperschaften mit einzubeziehen. Landrat Scherf will darüber mit seinen beiden Kollegen in Stadt und Landkreis Aschaffenburg sprechen.

Vor diesem Beschluss hatten sich die Teilnehmer des Gesundheitsgesprächs – rund 30 Akteure aus allen Bereichen rund um die Gesundheit und aus der Kommunalpolitik – über die derzeitige Situation in Sachen Gesundheit im Landkreis ausgetauscht. Nach einer kurzen Einführung in das Thema „Sicherung und Erhalt einer wohnortnahen Gesundheitsversorgung“ durch Landrat Jens Marco Scherf wurde schnell klar, dass vor allem die flächendeckende Versorgung mit Ärzten bemängelt wurde. Rein zahlenmäßig sehe die Situation der Hausärzte im Landkreis nicht schlimm aus, relativierte der erste Vorsitzende des Ärztlichen Kreisverbandes Aschaffenburg - Untermain, Jörg Frieß. Rechnerisch liege die Versorgungsquote bei 111 Prozent, was einer Überversorgung entspreche. Auch das durchschnittliche Alter der Hausärzte liege mit 53,5 Jahren unter dem bayerischen Schnitt, ebenso der Anteil der über 63-jährigen Hausärzte mit 18 Prozent. Das bedeute für den Landkreis, dass in den nächsten drei bis fünf Jahren rund 14 Hausärzte in Rente gehen würden. Zahlen seien aber nur die halbe Wahrheit, stellte Frieß klar, denn vor allem über die Versorgung im Odenwald und im Spessart müsse man sich Gedanken machen. „Mit dem subjektiven Empfinden ist eine Überversorgung nicht erkennbar“, stimmte auch Landrat Scherf zu.

Dazu komme, wie Dr. Bernhard Decke als Vertreter des Ärztenetzes Untermain ergänzte, dass viele junge Kollegen nicht mehr so viele Notdienste leisten wollten und einen Acht-Stunden-Tag präferierten. Auch würden teilweise Halbtagsstellen als Ganztagsstellen in die Statistik einfließen. Wolfgang Zöller, ehemaliger Patientenbeauftragter der Bundesregierung, bedauerte, dass man für die rechnerische Ermittlung des Ärztebedarfs Zahlen verwende, die längst überholt seien. Mittlerweile herrsche eine ganz andere Altersstruktur vor und somit müssten ganz andere Kriterien herangezogen werden. Für ihn wäre es wichtig, den Fokus nicht auf den Erhalt der Strukturen zu legen, sondern vielmehr die Strukturen nach den Notwendigkeiten und Wünschen der Patienten zu gestalten. Wenn die Wartezeiten zu lange seien, müsse es möglich sein, neue Arztstellen zu genehmigen. „Wir müssen intensiv mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) nach regionalen Lösungen suchen“, lautete die Erkenntnis von Landrat Scherf, der das Fehlen von Vertretern der KV im Gesundheitsgespräch bedauerte. Er werde mit den Bundestagsabgeordneten Alexander Hoffmann und Bernd Rützel versuchen, schnellstmöglich einen Termin mit Vertretern der Kassenärztlichen Vereinigung zu bekommen, um über die Bedarfsplanung zu reden.

Auch dürfe es laut Zöller nicht sein, dass der Aufbau einer onkologischen Spezialversorgung in Kooperation von Facharzt und Helios-Klinik Erlenbach an Verwaltungsvorgaben der Zulassungsstelle scheitert. „Das hätte gepasst“, bedauerte auch Dr. Dirk Große Meininghaus, Chefarzt der Medizinischen Klinik I am Klinikum Erlenbach. Nun müsse man schauen, wo man nachbessern könne, um dieses Projekt noch zu realisieren.

Angesprochen wurde auch die Versorgung des Landkreises mit Kinderärzten. Sechs praktizierende Kinderärzte seien angesichts überfüllter Praxen zu wenig, so die übereinstimmende Meinung. Mit dieser geringen Anzahl von Ärzten sei es auch illusorisch, einen kinderärztlichen Bereitschaftsdienst zu installieren, so Dr. Bernhard Decke.

Kreisrat Ulrich Frey forderte die Helios-Kliniken auf, am Empfang der Kliniken eine qualifizierte Kraft als Schnittstelle zu eintreffenden Patienten zu installieren. Diese Fachkraft könne die Patienten, die häufig unter Stress stünden, im Krankenhaus weiterleiten oder an einen geeigneten Arzt verweisen. Über diese Idee will Landrat Scherf demnächst mit der Helios-Geschäftsführung reden. Insgesamt, so die Meinung im Gremium, sei es sehr wichtig, die Bürgerinnen und Bürger aufzuklären, in welchen Fällen sie einen Arzt oder ein Krankenhaus aufsuchen oder den Rettungsdienst rufen sollen. Zum Thema Krankenhaus stellte Dominik Nusser von der Geschäftsführung der Helios-Kliniken im Landkreis Miltenberg klar, dass komplizierte Fälle nach Erlenbach gehörten, wo spezielle Fachbereiche vorhanden seien. Das Haus in Miltenberg sei mit der Inneren Medizin und dem Facharztzentrum für die Versorgung von einfachen Krankheitsfällen konzipiert.

Weitere diskutierte Themen war unter anderem die Alten- und Krankenpflegeausbildung (Bezahlung/Anwerbung), der Fachkräftemangel in Apotheken, die Situation der Spezialisierten Ambulanten Palliativversorgung (SAPV), die Veröffentlichung der Notfalldienste in der Zeitung, der Einsatz von Gemeindeschwestern, die bessere Vernetzung aller mit psychischen Erkrankungen befassten Stellen sowie die zurückgehende Zahl von Einzelzahnarztpraxen.
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