31.07.2015

Pressemitteilung Chancen gut genutzt

Hochkarätiger Besuch beim ersten Zukunftsdialog im Landratsamt Miltenberg: Mit Professor Dr. Peter Bofinger sprach einer der fünf Wirtschaftsweisen zu den 270 Gästen. „Die Bundesrepublik Deutschland hat sich wirtschaftlich gut entwickelt und den Menschen geht es gut“, so Professor Dr. Peter Bofinger, der jedoch klar ausführte: „Wir brauchen mehr Dynamik und Aufbruch, um die sich ergebenden Chancen besser zu nutzen.“ Beim Zukunftsdialog im Foyer des Landratsamts Miltenberg attestierte der Wirtschaftsweise dem Land in der nahen Zukunft „mehr Chancen als Risiken“, was auch Landrat Jens Marco Scherf beim Blick auf die Perspektiven des Landkreises Miltenberg bestätigte.

Der Landrat begrüßte nach einem schwungvollen Auftakt durch die Bürgermeisterband unter den 270 geladenen Gästen zahlreiche Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Bildung, Kirche, Adel und den Behörden sowie Vereinen und Verbänden. Den Gästen stellte Scherf den Landkreis Miltenberg nicht nur als wunderschöne Naturlandschaft vor, sondern auch als leistungsstarken Wirtschaftsstandort mit einer sehr niedrigen Arbeitslosenquote. Der Landkreis selbst verfahre nach dem Motto „Mehr Chancen als Risiken“, sagte Scherf und verwies unter anderem auf den Breitbandausbau, die Stärkung und Verbesserung der Energieversorgung durch die Umsetzung des Klimaschutzkonzeptes, die Verbesserung der sozialen Infrastruktur mit der Gesundheitsregion plus, das Projekt der Bildungsregion und die Sanierung der Landkreisschulen. „Ähnlich entschieden packen auch unsere 32 Gemeinden und die Unternehmen im Landkreis Miltenberg die Herausforderungen an“, stellte Scherf fest.

Damit leitete der Landrat über zu seinem Gast Professor Dr. Peter Bofinger. Der 1954 geborene Ökonom hat bereits zahlreiche Positionen bekleidet, unter anderem als Professor an den Universitäten Kaiserslautern, Konstanz und Würzburg. Im März 2004 wurde er auf Empfehlung der Gewerkschaften in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen, den so genannten fünf Wirtschaftsweisen. Bofingers Auffassungen würden meist kontrovers diskutiert, wusste Scherf, deshalb sei man sehr gespannt auf seine Ausführungen und erhoffe sich Impulse für den Landkreis.

Der Wirtschaftsweise Professor Dr. Peter Bofinger bescheinigte Deutschland eine gute Zukunft, forderte aber mehr Aufbruchsstimmung. 
Der Wirtschaftsweise Professor Dr. Peter Bofinger bescheinigte Deutschland eine gute Zukunft, forderte aber mehr Aufbruchsstimmung.

Bofinger, dessen Rede unter dem Titel „Deutschland 2015: Mehr Chancen als Risiken“ stand, vertrat die Auffassung, dass Deutschland sehr optimistisch in die Zukunft blicken könne. „Wir haben eine Unternehmenslandschaft, um die uns viele Länder beneiden“, steht für ihn fest. Darunter seien zahlreiche „hidden champions“ – wenig bekannte Unternehmen, die aber in ihren Feldern oft Marktführer sind. Auch der Arbeitsmarkt stelle sich erstaunlich gut dar, so der Fachmann, er habe den Mindestlohn prächtig verkraftet.
Dass es der Wirtschaft so gut geht, liege zum einen am zurückgehenden Ölpreis, aber auch an der Lohnentwicklung. Deshalb sei der private Verbrauch ein Treiber der Konjunktur. Das werde auch so bleiben, prognostizierte der Professor, auch wenn die Schätzung der Wachstumszahlen für die Ökonomen nicht immer auf die Nachkommastelle genau möglich sei.

Deutschland habe die Chancen der Globalisierung genutzt, sagte Bofinger. Er verglich die Unternehmenslandschaft in Deutschland mit einem alten Laubwald. Beide seien lange gewachsen und nicht so einfach zu kopieren. Dass man so gut dasteht, habe man auch der europäischen Währungsunion zu verdanken. „Das wird in den Talkshows oft vergessen“, sagte er Professor. Dass Deutschland für rund 90 Milliarden Euro wegen der Griechenlandkredite bürgen müsse, so hält Bofinger das für verkraftbar. Seine Begründung: Wegen der seit Jahren extrem niedrigen Zinsen könne sich die Bundesrepublik günstig refinanzieren.

„Die deutsche Wirtschaft steht dank des Euros gut da“, befand der Wirtschaftsexperte. Dass die Währung zurzeit nicht so stark sei, helfe im globalen Handel. Er verglich den Euro mit dem Schweizer Franken, dessen Stärke den Unternehmen schwer zu schaffen mache. Natürlich berge eine Währungsunion auch Risiken, relativierte Bofinger, aber eine gewisse Kompromissbereitschaft sei notwendig. „Mario Draghi wird flächendeckend als Buhmann bezeichnet, aber wir haben ihm viel zu verdanken“, lobte Bofinger den italienischen Chef der Europäischen Zentralbank. Dass die Währungsunion im Jahr 2012 nicht auseinandergebrochen ist, sei Draghis Verdienst. Mit der Ankündigung, man werde alles tun, um die Eurozone zu stabilisieren, habe er den Euroraum gerettet, ohne eine einzige Anleihe zu kaufen. Auch der seit einem Jahr erfolgte Kauf von Anleihen sei verkraftbar, so Bofinger. Dass Notenbanken auf der ganzen Welt Anleihen kaufen, sei nicht ungewöhnlich – so etwa in Japan, Amerika und England.

Sowohl Professor Bofinger als auch Landrat Jens Marco Scherf gingen nach dem Vortrag des Wirtschaftsexperten noch auf einige Anmerkungen aus dem Publikum ein.
Sowohl Professor Bofinger als auch Landrat Jens Marco Scherf gingen nach dem Vortrag des Wirtschaftsexperten noch auf einige Anmerkungen aus dem Publikum ein.

Das Entstehen einer Immobilienblase sowie einen Zusammenbruch der Aktienmärkte sah Bofinger nicht, wohl aber fand er Worte zur Entwicklung der Zinsen. Dies habe unerfreuliche Auswirkungen auf die private Altersvorsorge. Die Politik habe hier Fehler gemacht, als sie beispielsweise die Eigenheimzulage abgeschafft habe und stattdessen das Versicherungssparen fördere.
„Wer als Sparer hohe Zinsen will, braucht jemand, der einen hohen Zins für Kredite bezahlt“, brachte es der Wirtschaftsweise auf den Punkt. Für ihn sei es ein Problem, dass die Unternehmen trotz niedriger Zinsen nicht investieren. „Die Firmen sollten im Niedrigzins eine Chance sehen“, sagte er und forderte sie auf, Projekte voranzutreiben, die sie wettbewerbsfähiger machen. Als Beispiel nannte er den Aufbau von Fotovoltaikanlagen, mit denen man günstigen Eigenstrom erzeugen könne. Auf der anderen Seite tue die Politik zu wenig, um den Unternehmen Investitionen schmackhaft zu machen – etwa durch bessere Abschreibungsregelungen.

Den Staat forderte Bofinger auf, bei einem Nullzins mehr zu investieren – vor allem in Dinge, die eine höhere Rendite bringen, etwa die Bildung. „Das Prinzip der schwarzen Null finde ich nicht so toll“, brachte er seine Meinung auf den Punkt und kritisierte, dass der Bund trotz zu erwartender Mehreinnahmen von 20 Milliarden Euro in diesem und dem nächsten Jahr auf seinem Geld sitze.

Zum Thema Griechenland sagte Bofinger, dass auch er kein Patentrezept habe. Jetzt die Mehrwertsteuer zu erhöhen, sei für weite Teile der griechischen Bevölkerung schwer verkraftbar, auf der anderen Seite wäre ein Grexit vermutlich auch nicht besser. „Griechenland ist noch weit entfernt von einer Lösung“, glaubt Bofinger und hält es für sehr wichtig, in dem Land Wachstumsimpulse zu setzen.

Sowohl Bofinger als auch Landrat Jens Marco Scherf glaubten am Ende des Zukunftsdialogs, dass dem Land trotz seines wirtschaftlichen Erfolgs etwas mehr Dynamik und Aufbruchsstimmung gut tun würden.

Nach zwei weiteren Liedern der Bürgermeisterband mit Thomas Grün, Bernhard Kern, Michael Günther, Helmut Demel und Bernd Eilbacher tauschten sich die Gäste mit Professor Bofinger noch bei einem Empfang aus. 

Über 250 Gäste verfolgten im Foyer des Landratsamts die wirtschaftspolitischen Bemerkungen von Professor Dr. Peter Bofinger
Über 250 Gäste verfolgten im Foyer des Landratsamts die wirtschaftspolitischen Bemerkungen von Professor Dr. Peter Bofinger

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