23.10.2018

Pressemitteilung Reptilien auch im Spessart auf dem Rückzug

Untersuchungen zeigen auchdrastischen Rückgang von Kreuzotter und Schlingnatter. Die Regierung von Unterfranken teilt mit: Das verbreitet Artensterben betrifft auch die wenig beachtete Gruppe der Reptilien. Studien dazu sind schwierig und aufwendig. Gerade Schlangen leben sehr zurückgezogen und viele Meldungen beruhen auf Verwechslungen mit anderen Arten. Im Naturpark Spessart werden seit 2015 systematische Untersuchungen im Rahmen des „Artenhilfsprogramms Kreuzotter“ durchgeführt. Neben den Naturschutzbehörden sind daran v.a. der Landschaftspflegeverband Main-Spessart, der Naturpark Spessart sowie regionale und überregionale Reptilien-Fachleute beteiligt. Mit hohem Zeitaufwand werden ehemalige und vermutete Kreuzotter-Lebensräume untersucht, sowie aktuelle und ältere Fundmeldungen ausgewertet. Einst als verbreitetes Ungeziefer gejagt, versuchen Naturschützer heute, die einzige heimische Giftschlange vor dem regionalen Aussterben zu bewahren.

Kreuzotter vom Aussterben bedroht
Auch der aktuelle Untersuchungsbericht zu einem vom Bayerischen Naturschutzfonds geförderten Glücksspirale-Projekt belegt den drastischen Rückgang der Kreuzotter. Die vor rund 50 Jahren in lichten Wäldern und strukturreichen Wiesenlandschaften noch weit verbreitete Schlange besitzt im Bayerischen Spessart wohl nur noch eine einzige halbwegs überlebensfähige Population – auf wenigen Hektar Fläche in einem Naturschutzgebiet. Einzelfunde außerhalb dieses Gebiets sind extrem selten geworden. Es handelt sich dann vermutlich um versprengte Einzeltiere, die kaum noch Kontakt mit Artgenossen und somit kaum Chancen zur Fortpflanzung haben. Auch der geringe genetische Austausch ist so zu einem schwerwiegenden Problem geworden. Im angrenzenden hessischen Spessart, wo man sich schon länger mit der Kreuzotter beschäftigt, ist die Situation nur wenig besser. Gerade deshalb arbeitet man länderübergreifend zusammen. 

2018-10-23_Landkreis Miltenberg - Pressearchiv 
Kreuzotter

Veränderte Landnutzung und Wildschweinplage
Ursächlich für den Rückgang unserer einzigen heimischen Giftschlange ist ein ganzer Faktorenkomplex. Insbesondere Veränderungen in der Land- und Forstwirtschaft haben zum großflächigen Verlust geeigneter Lebensräume geführt. Strukturreiche Waldränder und Lichtungen sind selten geworden. Durch Einzelstammentnahme sowie Aufforstung von Wiesentälern oder Wildwurfflächen sind gleichförmige Hochwälder entstanden, die lichtbedürftigen Arten kaum Lebensraum bieten. Viele Waldwiesen und Böschungen sind durch Sukzession verschwunden oder werden durch den Einsatz moderner Mulch- und Mähgeräte zu tödlichen Fallen. Hinzu kommt eine stark überhöhte Population von Wildschweinen, die Reptilien als natürliche Nahrung selbst aus den Winterquartieren ausgraben. Letztlich arbeitet auch der Klimawandel mit ausgeprägten Trocken- und Hitzephasen sowie milden Wintern gegen die Kreuzotter.

Abwärtstrend auch bei Schlingnattern
Wenig besser geht es der ungiftigen Schlingnatter, die als sehr licht- und wärmebedürftige Art zwar weniger unter dem Klimawandel leidet, umso mehr aber durch den Verlust strukturreicher und gut besonnter Lebensräume. So hat der Wiesthaler Herpetologe Rudolf Malkmus rund 50 Jahre lang 23 Schlingnatternbiotope im Spessart - allesamt Steinriegel und Wegböschungen - untersucht. Trauriges Ergebnis: Durch Verbuschung und Bewaldung der Lesesteinhaufen sowie durch regelmäßigen Einsatz moderner Böschungsmulcher sind davon bis heute noch ganze 4 Biotope besiedelt.

Aufklärung und Biotopverbesserungen
Die ungünstige Gesamtsituation macht den hohen Handlungsbedarf beim Reptilienschutz deutlich. Christian Salomon (Regierung von Unterfranken/Naturpark Spessart) und Herbert Kirsch (Landschaftspflegeverband Main-Spessart) versuchen daher insbesondere geeignete Kreuzotter- und Schlingnatter-Biotope wieder aufzuwerten und im Idealfall miteinander zu vernetzen.

Allerdings müssen sie für solche Maßnahmen zunächst die Eigentümer, Förster, Landwirte und Jäger gewinnen. Von der Auflichtung von Waldrändern, dem Aufforstungsverzicht auf Windwurfflächen, der Entbuschung von Steinriegeln und einer tierfreundlichen Wiesennutzung profitieren nicht nur Schlangen und Eidechsen, betont Salomon, sondern ganze Lebensgemeinschaften.
Die gezielte Nachsuche von Kreuzottern geht derweil weiter. Die Bevölkerung wird gebeten, gesicherte Kreuzotter-Beobachtungen (Fotobelege, Totfunde) an die Naturschutzbehörden zu melden (Email: christian.salomon@reg-ufr.bayern.de), denn mittlerweile zählt jedes einzelne Tier.

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