30.09.2019

Pressemitteilung Ehrenamt braucht gute Rahmenbedingungen

Wie können das Ehrenamt und bürgerschaftliches Engagement in Zeiten von Gleichstellung und Wertewandel gelingen? Diese Frage hat rund 20 Teilnehmerinnen und Teilnehmer am Samstag bei einer Fachtagung im Landratsamt Miltenberg beschäftigt. Am Ende standen einige Handlungsempfehlungen, wie man auch künftig engagierten Menschen gewinnen kann.

Landrat Jens Marco Scherf, der der Tagung unter dem Motto „Woher kommen künftig die Engagierten?“ beiwohnte, freute sich über das Interesse der Fachtagungsteilnehmerinnen und -teilnehmer. Er wies auf das sehr große ehrenamtliche Engagement im Landkreis hin, von dem die Bevölkerung stark profitiere. Es sei wichtig, den Geist des Anpackens in die nächste Generation zu übertragen, meinte er und forderte dazu auf, hierfür bestmögliche Rahmenbedingungen bereitzustellen.

In Professorin Doris Rosenkranz konnte eine Fachfrau gewonnen werden, die in ihrem Grundsatzreferat unter anderem aufzeigte, wieso sich Menschen engagieren, wer sich engagiert und welches Potenzial es für die Gewinnung neuer Ehrenamtlicher gibt. Die Expertin, die zu bürgerschaftlichem Engagement und Freiwilligenmanagement lehrt und forscht, hat auch viele Einsichten durch ihre Beratungstätigkeit gewonnen. In ihrem Referat wurde klar: Damit sich jemand engagiert, müssen die Rahmenbedingungen stimmen. „Ehrenamtliche verschenken etwas Kostbares, nämlich ihre Zeit“, sagte Rosenkranz und forderte dazu auf, sich nicht nur um die aktuell ehrenamtlich Tätigen zu kümmern, sondern auch die Menschen in den Blick zu nehmen, die nicht oder nicht mehr aktiv sind.

Mittlerweile sei man so weit, dass das bürgerschafliches Engagement sogar als „weicher Standortfaktor“ diskutiert werde, wusste Rosenkranz. Nach wie vor sei es so, dass laut Freiwilligensurvey 2014 rund 80 Prozent der Ehrenamtlichen ihr Engagement damit be-gründen, dass sie Freude an ihrem Tun haben, gefolgt von der Motivation, etwas für andere Menschen zu tun. Die finanzielle Motivation stehe am Ende der Motive, zeigte sie mit einer Grafik. Mit Spannung erwartet Rosenkranz die Ergebnisse des aktuellen Freiwilligensurveys, die im nächsten Jahr vorliegen sollen. Fest steht für Rosenkranz auch, dass Ehrenamt Ressourcen braucht und keinesfalls ein Ersatz für hauptamtliche Tätigkeiten sein darf. Auch brauche das Ehrenamt gute Infrastruktur und passende Rahmenbedingungen.

Genau mit diesen Rahmenbedingungen beschäftigtem sich zwei Arbeitsgruppen unter Leitung der Gleichstellungsbeauftragten am Landratsamt, Sabine Farrenkopf, und dem für bürgerschaftliches Engagement am Landratsamt zuständigen Helmut Platz. Die Zeit war fast zu kurz, so intensiv wurde in den Gruppen diskutiert – kein Wunder angesichts der geballten Kompetenz in den Reihen der Teilnehmer, die aus vielen Organisationen gekommen waren. „Spaß und Freude am Ehrenamt sind nicht immer vorhanden“, lautete eine Erkenntnis der Arbeitsgruppe I, häufig gehe es in erster Linie um den Erhalt eines Vereins. Die Gruppe um Helmut Platz schlug vor, ein vereinsspezifisches Leitbild zu ent-wickeln und möglicherweise sogar ein Ehrenamtliches Gesamtkonzept in Anlehnung an das Seniorenpolitische Gesamtkonzept, an dessen Ende konkrete Handlungsempfehlungen stehen, wie man die Rahmenbedingungen verbessern und das Ehrenamt attraktiver gestalten kann. Möglich wäre auch, innerhalb von Vereinen über einen festgelegten Zeitraum ein Entwicklungskonzept umzusetzen und zu hinterfragen, wie man aufgestellt ist, was gut oder schlecht läuft, wie man Nachwuchs gewinnen kann und wie man den Verein attraktiver machen kann. Eines, so fasste Platz zusammen, sei aber klar: Solche Konzepte könnten nur mit Hilfe hauptamtlicher Unterstützung gelingen.

Die zweite Arbeitsgruppe hatte zunächst die ehrenamtlichen Rahmenbedingungen im Landkreis Miltenberg ermittelt und war zum Schluss gekommen, dass sich die Rahmen-bedingungen angesichts der Familienstrukturen und neuer Arbeitswelten deutlich verän-dert hätten. Potenzial sah man darin, Menschen für ein zeitlich begrenztes Engagement zu gewinnen. Nach Auffassung der Gruppe sei es auch an der Zeit, Vorstandskonstrukte zu überdenken, mehr im Team zu arbeiten und die Verantwortung auf viele Schultern zu verteilen. Als Chance sah man auch die fortschreitende Digitalisierung, die Vereinsarbeiten auch von zuhause zu erledigen – etwa mittels einer Vereinscloud mit den wichtigsten Daten. Vereine und Organisationen sollten zudem über Kooperationen nachdenken.

Die Gruppe sah auch die Hürden für die Erlangung der Ehrenamtskarte als zu hoch an. Es gebe viele Menschen, die wichtige Arbeit leisten und durch das Raster fallen.

Dies zu ändern, läge aber in den Händen des Freistaats, ergänzte Helmut Platz. Er sah andere Möglichkeiten: „Vergünstigungen sind auch außerhalb der Ehrenamtskarte auf kommunaler Ebene möglich.“ In der Gruppe wurde auch darüber gesprochen, dass man-che Engagierte sich nur für bestimmte Projekte einsetzen – etwa für Fridays For Future. Man solle probieren, ob man diese Menschen nicht auch für andere Projekte gewinnen könnte, lautete ein weiterer Vorschlag.

Aus dem Gremium wurde angeregt, lokale Ehrenamtsbörsen einzurichten, um in die Öf-fentlichkeit zu gehen. Das könnte auf kommunaler Ebene gut funktionieren oder aber auf Ebene von Nachbarkommunen. Helmut Platz forderte die Anwesenden am Ende der Fachtagung auf, ihm Ideen für weitere thematische Veranstaltungen zu übermitteln. 

Fachtagung Ehrenamt 2019
Zahlreichte interessante Aussagen zum Ehrenamt traf Professorin Dr. Doris Rosenkranz (stehend) zu Beginn der Fachtagung.

Fachtagung Ehrenamt 2019
Nach intensiven Diskussionen stellten die Arbeitsgruppen dem Plenum ihre Ergebnisse vor.


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