28.01.2016

Pressemitteilung Sorgeberufe im Mittelpunkt der Ausstellung „Who Cares“

Die Ausstellung „Who Cares“, die zurzeit im Foyer des Landratsamts Miltenberg zu sehen ist, wirft einen Blick auf acht Frauen, die stellvertretend für die Vielfalt und die Verantwortung der sogenannten Sorgeberufe stehen. Auf mehreren Tafeln wird gezeigt, wie sich diese Frauen um Andere kümmern – und dies bei häufig geringster Entlohnung.

Vor zahlreichen Gästen bezeichnete Landrat Jens Marco Scherf bei der Ausstellungseröffnung am Mittwochabend die Frage „Who Cares?“ als existenziell wichtig. Diese doppeldeutige Bezeichnung frage zum einen, wer sich Tag für Tag kümmert, zum anderen drücke der Begriff die Sorge aus, wen es denn eigentlich interessiert. Die vom Deutschen Frauenrat konzipierte Ausstellung rücke die Thematik der Sorge- und Pflegebereiche in den Fokus. Scherf kritisierte, dass die Vergütung in Kindergärten, Pflegeheimen oder Krankenhäusern häufig nicht zur hohen Arbeitsqualität, der Leistung und der Belastung passe. Auch von der Wertschätzung dieser Berufe in der Bevölkerung sei wenig zu spüren. Im Landkreis Miltenberg wolle man im Rahmen der Gesundheitsregion plus das Berufsbild der Pflege stärken. Hierzu existiere eine Arbeitsgruppe mit wichtigen Akteuren dieses Themenfelds, die dieses Ziel unter anderem auf regionaler Ebene verfolge. Ein Schwerpunkt werde sein, dem Fachkräftemangel in der Pflege entgegen zu wirken. Laut Scherf wolle man den Landkreis durch die Entwicklung nachhaltiger Konzepte und Rahmenbedingungen für Pflegekräfte attraktiver gestalten und bessere Arbeitsbedingungen schaffen.

Für Sabine Farrenkopf, Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Miltenberg und Organisatorin der Ausstellung, könne es sich die Gesellschaft nicht leisten, auf grundlegende Tätigkeiten wie Versorgung und Pflege zu verzichten. Farrenkopf mahnte vor allem eine gute Qualität im Pflege-, Gesundheits- und Bildungssektor an. Um dies zu erreichen, brauche es eine leistungsgerechte Bezahlung, realistischere Personalschlüssel und gute Arbeitsbedingungen. Farrenkopf legte dar, dass gelernte Altenpflegerinnen Löhne bekommen, die vergleichbar mit ungelernten Arbeitern in der Druckindustrie sind. Sie forderte zudem, der sozialen und emotionalen Komponente der Sorge- und Pflegeberufe stärkere Gewichtung beizumessen.

Anja Kistler, Geschäftsführerin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz, wies in ihrem Vortrag darauf hin, dass die Pflegerinnen und Pfleger mit zahlreichen Problemen zu kämpfen hätten. Viele überlegten täglich, ob sie nicht aus dem Beruf aussteigen. Die Frage sei, wie man diese Menschen im Beruf hält. Ein Mosaikstein seien Personalschlüssel, die sich besser an der Arbeit orientieren, forderte die gelernte Gesundheits- und Krankenschwester. Beispielsweise sei nicht kalkuliert, dass sich Pflegerinnen häufig die Hände desinfizieren müssen. Rund ein Sechstel der Arbeitszeit gehe für diese Tätigkeit drauf, sagte Kistler. Die Diplom-Pflegewirtin warb für einen Pflegeschlüssel von 1:2 auf Intensivstationen; Realität sei aber häufig, dass eine Pflegerin sogar vier oder mehr Patienten zu betreuen habe. Aufgrund des Abbaus von Krankenhausbetten und Vollzeit-Pflegestellen sowie kürzerer Verweilzeiten in Krankenhäusern müssten die Pflegenden in immer kürzerer Zeit immer mehr Patienten behandeln, kritisierte die Expertin. Pflege werde dadurch intensiver und aufwendiger.

Es gebe in Deutschland zudem viele ausgebildete Pfleger, die ihren Beruf aufgegeben haben. Deshalb brauche man auch einen Plan, wie man diesen Menschen wieder den Weg zurück in den Beruf bereiten könne. Überfällig sei deshalb auch eine gerechte Entlohnung, sagte sie. Die Löhne müssten steigen, denn viele Berufstätige seien hoch qualifiziert. Realität sei auch, dass viele Pflegekräfte in Teilzeit arbeiten. Damit sei Altersarmut vorprogrammiert, sagte Anja Kistler.

Die Berufsgruppe könne aber auch selbst etwas zur Verbesserung der Situation tun. Sie forderte eine Akademisierung der Pflege, denn die Pflege sei nicht nur praktischer Natur, sondern sei ein theoriegeleiteter Beruf. Zudem müsse die Ausbildung in den Händen der Pflege selbst liegen. Aus den drei Pflegeberufen müsse ein gemeinsames Berufsbild werden. Dazu werde die anstehende Ausbildungsreform beitragen, die eine breit angelegte pflegerische Grundausbildung umsetze mit späterer Spezialisierung.

Als wichtig erachtete Kistler eine eigene Selbstverwaltung für die Pflege. In dieser müssten die Berufsangehörigen selbst über Fragen bestimmen, die sie betreffen – etwa Weiterbildungen und die Qualität der Pflege. Das könne man mit der Einrichtung von Pflegekammern erreichen, sagte Kistler und wies darauf hin, dass eine solche Einrichtung am 1. Januar 2016 in Rheinland-Pfalz gegründet worden sei. Andere Länder stünden in den Startlöchern. Bayern gehe einen anderen Weg mit einem Pflegering als Interessensvertretung. Kistler fürchtete aber, dass dieser Ring fremdbestimmt werde. „Pflege braucht Lobbyarbeit“, steht für Kistler fest.

Die Ausstellung im Foyer des Landratsamts ist noch bis einschließlich Freitag, 12. Februar, zu den üblichen Öffnungszeiten der Behörde zu sehen (Montag und Dienstag 8 bis 16 Uhr, Mittwoch 8 bis 12 Uhr, Donnerstag 8 bis 18 Uhr, Freitag 8 bis 13 Uhr).

Anja Kistler, Geschäftsführerin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (am Rednerpult) forderte große Anstrengungen, um den Pflegeberuf wieder attraktiver zu gestalten. Dazu gehöre auch eine angemessene Entlohnung.
Anja Kistler, Geschäftsführerin der Pflegekammer Rheinland-Pfalz (am Rednerpult) forderte große Anstrengungen, um den Pflegeberuf wieder attraktiver zu gestalten. Dazu gehöre auch eine angemessene Entlohnung.

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