16.10.2015

Pressemitteilung Fachtag bringt wertvolle Erkenntnisse

Auf große Resonanz ist bei den im Erziehungs- und Gesundheitswesen beschäftigten Fachkräften die jüngste Veranstaltung der Koordinierenden Kinderschutzstelle gestoßen:
Rund 140 Fachkräfte nahmen am Mittwoch an der Informationsveranstaltung über gelingenden Kinderschutz im kleinen Saal des Bürgerzentrums Elsenfeld teil. Dort referierten zwei Fachleute über gelingenden Kinderschutz.

Jugendamtsleiter Peter Winkler stellte fest, dass das Thema auch fast zehn Jahre nach dem aufsehenerregenden Tod des kleinen Kevin nach wie vor aktuell sei. Damals habe sich die Frage gestellt, warum niemand etwas unternommen habe. Seitdem habe sich der Kinderschutz grundlegend geändert, sagte er und verwies auf zahlreiche Neuerungen. In Folge der Vorkommnisse seien unter anderem in Bayern die koordinierenden Kinderschutzstellen (KoKi) eingeführt worden. Diese hätten sich mittlerweile von einer reinen Koordinationsstelle zu einem wichtigen Beratungsdienst und Leistungserbringer weiterentwickelt, stellte der Jugendamtsleiter fest. Auch das Kinderschutzgesetz habe umfassende Verbesserungen gebracht. Im Landkreis Miltenberg sei der Allgemeine soziale Dienst (ASD) um eine Stelle aufgestockt worden. Auch die Vormundschaftsstellen seien erweitert worden, darüber hinaus habe man die KoKi eingerichtet mit den zwei Fachfrauen Iris Neppl und Claudia Kallen. Dass Kinderschutz gelingt, hängt Winkler zufolge von einem guten interdisziplinären Netzwerk des Erziehungs- und Gesundheitssystems sowie vielen Hilfsangeboten ab. „Fachkräfte müssen bereit sein, miteinander zu arbeiten“, so Winkler, auch müssten sie über Hilfen in der Umgebung Bescheid wissen.

Dr. Heinz Kindler vom Deutschen Jugendinstitut (München) referierte anschließend zum Thema „Interdisziplinäre Prävention von Vernachlässigung und Misshandlung im Säuglings- und Kleinkindalter“. Er zeigte auf, woran präventiver Kinderschutz hängt und wie er gelingen kann. Grundvoraussetzung für ihn ist, dass alle Beteiligten die gleiche Sprache sprechen. Dies sei äußerst wichtig, um Missverständnisse und Enttäuschungen zu vermeiden. Deutlich machte Kindler dies am Begriff der Kindeswohlgefährdung: Während rein rechtlich damit die nachhaltige (drohende) Schädigung eines Kindes gemeint ist, reichen für andere das Rauchen in Anwesenheit von Kindern oder fehlende Hausaufgaben als Tatbestand einer Kindeswohlgefährdung aus. Kindler wagte die vorsichtige Prognose: Durch frühe Hilfen könnte rund ein Drittel der Misshandlungen vermieden werden. Damit dieses Ziel erreicht werden kann, sind für ihn die bisherigen Maßnahmen nicht ausreichend. Kindler begrüßte daher ausdrücklich die erfolgreichen Anstrengungen des Landkreises Miltenberg, das Angebot der frühen Hilfen weiter zu entwickeln und auszubauen.

Aufschlussreiche Erkenntnisse brachte der Vortrag des Diplom-Psychologen Wilfried Griebel (Institut für Frühpädagogik, München) über „Psychische Widerstandskraft – Wie können wir die Stärken der Kinder stärken?“ Er gab wertvolle Anregungen, was man als Fachkraft im Kontakt mit Kindern und Familien tun kann, um sie zu stärken. Sein Eingangsstatement: Die psychische Widerstandskraft – auch als Resilienz bezeichnet –, ist nicht angeboren, sondern kann durch pädagogische Maßnahmen beeinflusst werden. Bezugnehmend auf wissenschaftliche Studien, zeigte er auf, welche Faktoren im Lebensumfeld eines Kindes dazu beitragen, dass eine gute Entwicklung oder die gute Erholung von traumatischen Erlebnissen erfolgen kann. Dazu gehört eine Vertrauensperson, bei der ein Kind sich angenommen fühlt und die durchaus auch von außerhalb der Familie kommen kann. Aber vor allem sei ein autoritatives Umfeld wichtig. Im Gegensatz zu einer autoritären Erziehung, die die strikte Einhaltung von Regeln ohne Einfühlung einfordert, werden hier mitfühlend Regeln unter Beteiligung des Kindes aufgestellt, erklärt und umgesetzt. Zum Abschluss gab Griebel den Fachkräften Fragen an die Hand, mit deren Beantwortung schnell festgestellt werden kann, ob die Lebenssituation eines Kindes resilienzfördernd ist.

Großer Andrang herrschte in der Pause zwischen den beiden Vorträgen beim „Markt der Möglichkeiten“, der im Foyer des Bürgerzentrums aufgebaut war. Hier stellten sich verschiedene Institutionen mit Infoständen vor – unter anderem das Jugendamt des Landkreises, der Sozialdienst katholischer Frauen (Aschaffenburg), die Erziehungsberatung der Caritas, das Wellcome-Projekt, die „Frühförderung Sehen“, Donum Vitae, pro familia, die Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen, die Lebenshilfe sowie der Sozialpsychiatrische Dienst Miltenberg.

Dr. Heinz Kindler (Deutsches Jugendinstitut München) zeigte anschaulich auf, woran präventiver Kinderschutz hängt und wie er gelingen kann.
Dr. Heinz Kindler (Deutsches Jugendinstitut München) zeigte anschaulich auf, woran präventiver Kinderschutz hängt und wie er gelingen kann.

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