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Pressemeldung vom 27.10.2009
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Basis für wirtschaftliche erfolgreiche Zukunft gelegt

100 Teilnehmer des Symposiums „Zukunftsperspektiven für den Landkreis Miltenberg“ haben am Freitag, 23. Oktober, fünf Stunden lang an der Zukunft des Landkreises Miltenberg mitgearbeitet. Ziel der vom Landkreis Miltenberg organisierten Veranstaltung im Elsenfelder Bürgerzentrum war es, Handlungsvorschläge zu erstellen, mit denen der Wirtschaftsstandort Landkreis Miltenberg nachhaltig gestärkt werden kann.

Symposium 2020Der Landrat hatte eingangs der Veranstaltung darauf hingewiesen,  dass nicht zuletzt die Auswirkungen der gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise verdeutlichten, dass alles getan werden müsse, damit der Landkreis Miltenberg wettbewerbsfähig bleibt. Mit dem Symposium sollten die Teilnehmer ein Bewusstsein für die Stärken und Schwächen der Region entwickeln und die Chancen und Risiken in der Zukunft erkennen. Schwing rief die Teilnehmer auf, nach vorne zu schauen und gemeinsam konkrete Handlungsvorschläge zu erarbeiten, an denen in den nächsten Jahren weitergearbeitet werden soll. Die sich verändernde Welt und der damit einhergehende Wandel seien Chancen für all diejenigen, die dies als Herausforderung begreifen – und nicht als Gefahr. Kleinteiliger Lokalpatriotismus helfe nicht weiter, meinte Schwing, vielmehr gelte es, alle Kräfte auf regionaler Ebene zu bündeln.

Zur Prognos-Studie 2007, in der Landkreis im Vergleich zur Studie 2004 um22 Plätze auf Rang 285 zurückgefallen war (unter 439 Städten und Landkreisen) sagte Schwing, dass Prognos damals einen „ausgeglichenen Chancen- und Risikomix“ konstatiert hatte. Der Landkreis habe aber schon frühzeitig angepackt und würde vermutlich viel schlechter dastehen, wenn er nicht schon so viele Veränderungen eingeleitet hätte. Beispielhaft wies er auf die vor 13 Jahren gegründete Initiative Bayerischer Untermain hin, mit der man sich als „Region der Kooperation“ positioniert habe. Die Bilanz sei Schwing zufolge positiv.
„Wir haben viel erreicht, müssen aber auch noch viel tun“, lautete Schwings Bilanz angesichts des weiter fortschreitenden Strukturwandels.  Froh zeigte sich der Landrat angesichts klarer Signale von Unternehmen wie Cibavision, Fripa und OWA, die in der Region investieren. „Wir müssen die vorhandenen Wachstumspotenziale im Landkreis Miltenberg mobilisieren“, rief Schwing den Teilnehmern zu und eröffnete die Veranstaltung.

Danach lag es zunächst an Professor Dr. Erich Ruppert, Entwicklungstrends in der wirtschaftlichen Struktur, in der demografischen Entwicklung  und der Bildung im Landkreis Miltenberg aufzuzeigen. Der an der Hochschule Aschaffenburg lehrende Wirtschaftswissenschaftler legte anhand umfangreichen Zahlenmaterials dar, dass der Landkreis Miltenberg im überregionalen Vergleich eine günstige Ausgangsposition erreicht habe. Hohe Produktivität, rasches Wachstum, gute Arbeitsplatzausstattung, geringe Arbeitslosigkeit – diese Faktoren träfen auf den Landkreis zu. Die aktuelle Krise, so Ruppert, treffe den Landkreis eher stark. Dies liege unter anderem an den Industrieschwerpunkten wie Maschinenbau, Elektro-, Mess- und Regeltechnik, die stark vom Export und von der Automobilindustrie abhängen. Rupperts Fazit: „Die Chancen für eine Erholung nach der Krise sind gut.“

Er wies auch darauf hin, dass die Krise im Landkreis bereits kräftig zugeschlagen habe, was man an der binnen Jahresfrist um rund 40 Prozent gestiegenen Arbeitslosenquote sehen könne – sie lag im September 2009 bei 4,7 Prozent gegenüber 3,4 Prozent im September 2008.  Die Quote der Schüler mit Hochschulreife liege im Landkreis leicht unter dem bayerischen und deutlich unter dem bundesdeutschen Durchschnitt, ging Ruppert auf die Bildung ein. Insgesamt liege die Abiturientenquote im Landkreis bei 30 Prozent, wenn man die Abiturienten dazurechnet, die in Nachbarlandkreisen zur Schule gehen. Ruppert nannte einige Handlungsmöglichkeiten, wie der Landkreis versuchen könnte, diese Quote zu steigern. Er schlug vor, auf qualitativ hochwertige Angebote im Vor- und Grundschulalter zu achten und Kinder früh zu fördern, in deren Elternhaus zumindest ein Elternteil kein Deutsch-Muttersprachler ist. Wichtig sei auch, die Pendelmöglichkeiten für Schüler zwischen Landkreisen nicht auf dem Verwaltungsweg zu bremsen – die Möglichkeit der Schülerbewegung baue Barrieren zu höheren Bildungsabschlüssen ab.

Auffallend an der Bevölkerungsentwicklung sei, dass der Kreis vor allem in der Altersgruppe der 18 bis 25-Jährigen Bewohner durch Wegzug verliert. Das, vermutet Ruppert, liege vermutlich daran, dass viele Jugendliche auswärts studieren oder ihre Ausbildung absolvieren. Zudem werde der in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erwartete Bevölkerungsverlust im südlichen Landkreis deutlich stärker als im Norden sein, schätzte der Wissenschaftler.
Insgesamt, so der Professor, sei der starke industrielle Kern des Landkreises „gut und notwendig“, denn daran hingen die wertschöpfungsintensiven Dienstleistungsarbeitsplätze. Zudem sei man mit der Branchenstruktur im produzierenden Gewerbe gut aufgestellt. Die Dienstleistungsquote werde Ruppert zufolge im Zeitablauf durch die Vergabe von Aufträgen an Dienstleister außerhalb der Unternehmen („Outsourcing“) steigen. Zudem würden lokale Dienste im Gesundheits- und Wellness-Bereich an Bedeutung gewinnen. Auch das Tourismuskonzept sowie das seniorenpolitische Gesamtkonzept im Landkreis sind für Ruppert positive Ansätze, so dass überhaupt kein Grund bestehe, „in kollektive Depression zu verfallen.“

Dr. Rainer Behrend vom Behrend-Institut Frankfurt analysierte die Stärken und Schwächen des Landkreises Miltenberg, basierend auf einer Umfrage unter 15 Unternehmern der Region. Demzufolge zählt vor allem die Nähe des Landkreises zur Metropolregion Frankfurt/Rhein-Main zu den Stärken des Kreises. Diese Einschätzung nimmt Behrend zufolge ab, je kleiner die Unternehmen sind. Auch mit der Vielzahl innovativer, technologieorientierter und eigentümergeführter Firmen mit ihrer guten regionalen Vernetzung könne der Kreis punkten, ebenso mit der attraktiven Landschaft und dem im Rhein-Main-Vergleich günstigen Kostenniveau bei Gewerbeflächen, Immobilien, Löhnen und Lebenshaltungskosten.
Als größte Schwäche hätten die befragten Unternehmer die Verkehrsinfrastruktur in Teilen des Landkreises genannt – beispielsweise im Süden und im Spessart. Die schlechte Breitbandversorgung in einzelnen Gemeinden wurde kritisiert, aber auch die interkommunale Zusammenarbeit könnte nach Meinung der Firmen besser sein. Letztgenannter Punkt ist Behrend zufolge aber wohl darauf zurückzuführen, dass positive Ansätze nicht genügend nach außen kommuniziert werden. Auch sei die Region insgesamt zu wenig bekannt, monierten die Unternehmer.

Als Chancen für den Landkreis nannte der selbstständige Berater die Bildung wirtschaftlicher Schwerpunkte, speziell in der Automation. Zudem böten die intakte Industriestruktur, die Vielzahl technologiebasierter Dienstleistungen, die ZENTEC sowie Kostenvorteile gute Voraussetzungen für die Ansiedlung von wissensintensiven Dienstleistungen, die ihre Leistungen verstärkt exportieren. Wachstumspotenzial sah der Fachmann auch im Bereich der Gesundheitswirtschaft, insbesondere der Medizintechnik, der Telemedizin und bei personenbezogenen Dienstleistungen. Chancen sah er zudem in der Naherholung und dem Tagestourismus. Der Landkreis sei aufgrund der hohen Lebensqualität, der geringen Kriminalitätsrate und der hohen Wirtschaftskraft auch attraktiv für Familien.
Als ein Risiko nannte Behrend die Tatsache, dass Industrieunternehmen aus der Region als Folge der Wirtschaftskrise gegenüber asiatischen Konkurrenten Marktanteile verlieren könnten. Der Fachmann wies auch darauf hin, dass sich der Beschäftigungsabbau in der Produktion fortsetzen werde. Die Entwicklung des Dienstleistungssektors hänge aber entscheidend vom Fortbestehen eines industriellen Kerns ab, sagte Ruppert und stimmte dabei seinem Vorredner voll zu. Ein Risiko sah er in der Verfügbarkeit qualifizierter Arbeitskräfte – vor allem aufgrund der demographischen Entwicklung. Ebenfalls mit der Demographie zu tun hat ein weiteres Problem: Der Bevölkerungsrückgang werde zu wachsenden Leerständen bei Wohnungen und Geschäften führen. Wie gut sich der Landkreis wirtschaftlich entwickelt, hänge Behrend zufolge auch von Entscheidungen in Hessen ab – beispielsweise vom Ausbau des Frankfurter Flughafens.

Landrat Roland Schwing beim Symposium 2020
Vortrag beim Symposium 2020

Nach einer kurzen Pause wurden die Teilnehmer auf drei Workshops aufgeteilt, die wiederum jeweils mit drei Arbeitsgruppen Ziele und Maßnahmen erarbeiteten, wie der Landkreis vorangebracht werden soll. Moderiert von Dorte Meyer-Marquard, Helene Rettenbach und Brigitte Seibold, blieb rund eine Stunde Zeit, sich den Themen „Entwicklungstendenzen in der Wirtschaftsstruktur“, „Verkehrswege und Breitbandinfrastruktur“ sowie „Berufliche Perspektiven durch Bildung“ zu widmen. Kleinere Arbeitsgruppen befassten sich innerhalb der Workshops mit speziellen Aspekten – beispielsweise mit der „Stärkung des Technologiestandorts Miltenberg“, „bedarfsgerechter Verkehrsinfrastruktur“ und der „Verbesserung der Arbeitsmarktchancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“.

Anschließend stellten die Vertreter der insgesamt neun Arbeitsgruppen die Ergebnisse ihrer Diskussionen dem Plenum vor. Markus Seibel, Peter Spörl, Dr. Wolfgang Jung, Johannes Oswald, Siegfried Scholtka, Günther Oettinger, Wolfgang Filippi, Dr. Gerald Heimann und Ruth Weitz listeten ein ganzes Bündel von Zielen und Maßnahmen auf, die verwirklicht werden sollen. So wurde unter anderem gefordert, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf durch flexible Arbeitszeiten und  Betreuungsangebote auch in den Ferien sicherzustellen, Kinder und Migrantenkinder schon in den ersten drei Lebensjahren gezielt zu fördern, in der Schule für eine stärkere Berufsorientierung zu sorgen, die naturwissenschaftlichen Fächer stärker zu fördern, bestehende Flächen zu nutzen, bevor neue Flächen ausgewiesen werden, ein professionelles Flächen- und Gebäudemanagement in Betracht zu ziehen, nicht nur die B 469 bis Kleinheubach/Amorbach mehrspurig auszubauen, sondern auch die Verkehrswege in Richtung Stuttgart und Würzburg auszubauen, die Brücke im Südspessart zu realisieren, beim Bund auf den Ausbau eines für die Kommunen kostenfreien flächendeckenden  Glasfasernetzes mit 50 Mbit zu drängen, Ansiedlungsbeauftragte beziehungsweise Scouts zu installieren, die Firmen in Verwaltungsverfahren helfen, Zukunftsbranchen anzusiedeln, mit der Region Rhein-Main verstärkt zusammenzuarbeiten, das Energieforum zu unterstützen, den Landkreis als Gesundheitsstandort zu vermarkten sowie Schulmedizin und alternative Medizin zu vernetzen. Immer wieder wurde auch darauf hingewiesen, dass die Zusammenarbeit der Gemeinden in vielen Bereichen wünschenswert sei.

An Landrat Roland Schwing lag es am Ende, allen Teilnehmern für ihren Einsatz zu danken sowie der vorbereitenden Projektgruppe mit Mitgliedern der IHK Aschaffenburg, der ZENTEC, der Agentur für Arbeit, der Hafenverwaltung Aschaffenburg sowie des Landratsamts Miltenberg. „Die Menschen im Landkreis haben es verdient, dass wir an einer guten Zukunft für sie arbeiten“, sagte er und kündigte an, dass der Diskussionsprozess noch lange nicht zu Ende sei. „Heute haben wir die Basis gelegt“, meinte Schwing und freute sich auch über einige konkrete Ideen, die direkt umsetzbar seien. Manche Ideen würden in die Leitungsgruppe der Initiative Bayerischer Untermain gehen, andere würden in Klausurtagungen und anderen Gremien diskutiert, sagte der Landrat und machte klar, dass das Zukunftssymposium der Start eines großen Projektes gewesen sei.

>> Rede von Landrat Roland Schwing (PDF)

>> Vortrag von Dr. Behrend (PDF)

>> Vortrag von Prof. Dr. Ruppert (PDF)

>> Broschüre "Strukturentwicklung im Landkreis Miltenberg" (PDF)

>> Bildergalerie

 

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