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Pressemeldung vom 05.01.2010 |
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Mit Vertrauen, Nachhaltigkeit und Steuerung die Zukunft meistern
Vor rund 250 geladenen Gästen hat Landrat Roland Schwing am Montagabend beim Neujahrsempfang des Landkreises Miltenberg die Schlüsselfaktoren genannt, mit denen es gelingen kann, die Zukunft erfolgreich zu meistern: Vertrauen aufbauen, Nachhaltigkeit in allen Lebensbereichen etablieren und effektive Steuerungsmechanismen zu entwickeln.
„Prognosen sind schwierig, vor allem, wenn sie die Zukunft betreffen“ – mit diesem geflügelten Wort des amerikanischen Schriftstellers Mark Twain wies Schwing darauf hin, dass es unmöglich ist, die Zukunft vorauszusehen. Die Antwort auf die Frage, wohin die Reise führt, sei dennoch spannend – vor allem angesichts der globalen Finanzkrise, deren Auswirkungen noch nicht abschätzbar seien.
Alarmierend ist für Schwing, dass in den vergangenen Jahren sehr viel Orientierung und Werte verloren gegangen sind. Das Vertrauen in die Führung von Wirtschaft und Gesellschaft sei dramatisch gesunken, verdeutlichte der Landrat anhand von Zahlen. So sei das Vertrauen in Manager von Großkonzernen mit acht Prozent an einem Tiefpunkt angelangt. Andererseits sei erfreulich, dass das Vertrauen in den eigenen Arbeitgeber mit 76 Prozent extrem hoch sei – übertroffen nur noch vom Vertrauen in die Feuerwehr. „Aber Vertrauen bildet auch im 21. Jahrhundert die Grundlage unserer Marktwirtschaft“, sagte Schwing, auch wenn dies in manchen Ohren altbacken klinge. „Wir müssen den Grundwerten, welche das Gerüst für unser Zusammenleben bilden, eine Renaissance ermöglichen“, ist der Landrat überzeugt. Die Bibel biete hierfür mit ihren zehn Geboten einen idealen Rahmen.
Ein weiteres Rezept für das Meistern der Zukunft liegt für den Landrat darin, in der Krise langfristiger zu denken, wenn man nachhaltig handeln will. „Wir müssen so investieren, dass die Renditen uns dann zugute kommen, wenn wir die krisenbedingten Schulden tilgen müssen“, sagte Schwing. Nur so könne man die Ausgaben über zusätzliche Verschuldung gegenüber den nachfolgenden Generationen rechtfertigen. Zu den langfristigen Investitionen mit Renditen zählen für Schwing Investitionen in Bildung und Qualifizierung. Sage und schreibe 21,5 Milliarden Euro könnten bis 2015 eingespart werden, wenn junge Menschen nach der Schule besser in den Arbeitsmarkt integriert würden. 70000 junge Leute verließen jedes Jahr die Schule ohne einen Abschluss, sagte der Landrat, aber Jeder von ihnen werde gebraucht. „Wir können es uns aber nicht leisten, junge Menschen verloren zu geben“, so Schwing.
Eine Lehre aus der Krise ist für Schwing die Tatsache, dass es einen Staat braucht, der dem Markt Regeln setzt und für ihre Durchsetzung sorgt. In Deutschland habe man schnell gelernt – was man am engagierten Eingreifen der Bundesregierung gesehen habe. Auch die gesellschaftlichen Diskussionen bräuchten ein Mehr an inhaltlicher Orientierung und Entscheidung, forderte Schwing. So müssten die Bürger in vielen Fragen und Entscheidungen künftig viel intensiver eingebunden werden. „Bürgerbeteiligung kann zu einem Innovationstreiber werden“, zeigte sich der Landrat überzeugt.
Auch der Landkreis Miltenberg sei gefordert, seinen Teil zum Meistern der Krise beizutragen, sagte Schwing. Er müsse die vom ihm beeinflussbaren Rahmenbedingungen aktiv gestalten. Kreistag, Landrat, Gemeinderäte und Bürgermeister müssten sich bei der Gestaltung der Zukunftsaufgaben an den genannten Grundsätzen orientieren. Den richtigen Weg habe man schon eingeschlagen, sagte Schwing und wies auf das Zukunftssymposium des Landkreises Miltenberg hin, bei dem im Oktober 2009 rund 100 Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Bildung und Verbänden unter wissenschaftlicher Begleitung die Stärken und Entwicklungsfelder des Landkreises herausgearbeitet hätten. Im Jahr 2010 gelte es, nach erfolgreichen und pragmatischen Lösungen zu suchen und diese auch umzusetzen. „Wir haben es selbst in der Hand“, sagte Schwing und forderte Alle auf, an der Zukunft des Landkreises aktiv mitzuarbeiten.
Johannes Oswald, Chef des Miltenberger Elektromotorenherstellers Oswald, beschäftigte sich in seiner Rede mit der Frage, ob der moderne Mensch auf seinem Weg auf seine urgeschichtlichen Erfahrungen zurückgreifen sollte oder nicht.
Dieser Frage ging Oswald anhand einer fiktiven Gruppe von Homo sapiens vor einigen hunderttausend Jahren in der afrikanischen Savanne nach. Der Mensch habe sich vom Sammler zum Jäger entwickelt, es haben sich Clans und Stämme entwickelt. Kleine, verschworene Gemeinschaften schlagen sich in einer unwirtlichen, lebensfeindlichen Umgebung durch. Jeder hält sich an ungeschriebene Regeln. Diese urmenschlichen Erfahrungen, so Oswald, seien über Jahrhunderttausende zu einem kollektiven Urbewusstsein geworden. „Dieses steckt bis heute in uns, in jeder Faser unseres Lebens“, so der Unternehmer.
Dass der Mensch sich seit dieser Zeit so verändert hat, liegt für Oswald in der Tatsache, dass der Mensch seit Tausenden von Jahren in anonymen Massengesellschaften lebt. Ständig begegne man anderen, anonymen Menschen, die nicht zum eigenen Umfeld gehören. Der Zoologe Desmond Morris habe die These aufgestellt, dass diese Anderen als Teil der Natur oder sogar als Bedrohung oder Beute eingestuft werden. Den Menschen im eigenen Umfeld dagegen begegne man mit Vertrauen – zurückzuführen auf eine uralte Tradition des Menschen.
Oswald für seinen Teil beantwortet die Frage, ob der Mensch gut ist, mit einem Ja. Neben seinem Verstand habe ihn vor allem seine Kooperationsfähigkeit und sein Altruismus über die Maßen erfolgreich werden lassen. Dieser Erfolg habe ihn allerdings in eine anonyme Massengesellschaft geführt. Menschen in der Anonymität brauchen Regeln, die über die natürlichen Stammesregeln hinausgehen, zitierte Oswald Erfahrungen aus der Geschichte. Das sei aber gar nicht so einfach. Das Gebot „Du sollst nicht töten“ beispielsweise, das eine mindestens 2000-jährige Tradition hat, werde allgemein für gut geheißen und dennoch beständig mit Füßen getreten. Ein Blick in die Vergangenheit zeige, womit sich der Mensch häufig schwer tut.
Gruppengröße: So hätten sich urchristliche Gemeinden ab etwa 70 bis 100 Mitgliedern geteilt, um Anonymität zu vermeiden und persönlich in Kontakt zu bleiben. Deshalb, so Oswald, „erfüllt mich der Blick auf unsere Pfarreiengemeinschaften mit Sorge.“
Gehorsam: Häufig sei zu erkennen, dass rangniedrige Gruppenmitglieder nicht mehr gehorchen, sobald das Alphatier nicht da ist – Beispiel: Das Verhalten von Kindern, wenn die Eltern nicht da sind.
Thema Geschwindigkeit: Gerade bei Jugendlichen entscheidet häufig die Tatsache, wer am schnellsten fährt oder die meisten PS hat, über den Rang in der Gruppe und damit „den Kampf ums Weibchen.“
Komplexität: Mit der großen Zahl von Entscheidungsmöglichkeiten muss man umgehen können: Welchen von 100 Berufen ergreift der Jugendliche? Welcher Partner passt zu mir, welches von 30 Fernsehprogrammen ist für mich geeignet? – aus stammesgeschichtlicher Hinsicht sei das eine totale Überforderung.
Mathematik: Für das Überleben und die Fortpflanzung sei Mathematik aus urmenschlicher Sicht völlig überflüssig.
Klimaerwärmung: Urgeschichtlich läge es nahe, sich um die Klimaerwärmung überhaupt nicht zu kümmern – schließlich kann man Kohlendioxid nicht fühlen, hören und sehen. Dagegen, so Oswald, helfe nur eines: Angst. Dramatisch veranschaulichte Folgen der Erderwärmung könnten den Menschen beeindrucken und Urinstinkte wecken – im Grunde sei der Mensch auch ein Herdentier, ständig auf der Flucht vor Gefahr.
Oswalds Fazit: Die stammes- oder urgeschichtlichen Erfahrungen stecken tief im Menschen; sie können nützlich, aber auch hinderlich sein. Wer sich mit Verstand für einen Weg entscheidet, der den Urerfahrungen nicht entspricht, muss damit rechnen, dass es ungleich schwerer wird und dass intelligente Strategien entwickelt werden müssen, um erfolgreich zu sein. Der von Urerfahrungen gedeckte Weg dagegen gehe leicht von der Hand. Deshalb, so Oswald, „sollten wir überprüfen, ob unser Verhalten im Jahr 2010 gesellschaftlich vernünftig und wünschenswert ist.“
Beim anschließenden Empfang und einem Imbiss im ersten Stock des Landratsamtsgebäudes führten die Gäste noch lange Gespräche und knüpften Kontakte.
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